Wenn Wünsche konkurrieren

Demokratie beginnt im Alltag

Vor einiger Zeit tauchte bei uns eine scheinbar einfache Frage auf: „Wann kommt die Playmobil-Polizeistation wieder?“

Statt sofort zu entscheiden, stellten wir den Kindern eine Rückfrage: „Wo könntest du dir die Polizeistation vorstellen? Welcher Platz würde passen?“
Die Antwort kam prompt: „Na, da hinten!“ – gemeint war unser Rollen-Spiel.Platz, der zu diesem Zeitpunkt noch intensiv für den Weihnachtsmarkt und die Bäckerei genutzt wurde.

Gemeinsam gingen wir verschiedene Möglichkeiten durch. Schnell wurde klar: Eine sofortige Entscheidung würde anderen laufenden Spielideen den Raum nehmen. Also einigten wir uns darauf, den Wunsch aufzuschreiben und nach den Weihnachtsferien gemeinsam weiterzudenken.


Demokratiebildung im Kindergarten bedeutet, Kinder von Anfang an als mitbestimmenden Teil einer Gemeinschaft ernst zu nehmen. Es geht dabei  um eine Haltung, die den Alltag prägt: zuhören, beteiligen, aushandeln, Entscheidungen transparent machen – und Verantwortung teilen.

Als Erwachsene geben wir dabei ein Stück unserer alleinigen Entscheidungsmacht ab und begleiten spannende Prozesse, statt Lösungen vorzugeben.

Kinder erleben so: Meine Meinung zählt. Ich kann etwas bewirken.


Mitbestimmung und Mitbeteiligung (Paritzipation) täglich erleben

Nach den Ferien zeigte sich in Beobachtungen und Gesprächen: Mehrere Kinder wünschten sich ein Kleine-Welt-Spiel. Um eine gemeinsame Entscheidung zu ermöglichen, wurde ein Abstimmungsplakat im Rollenspielbereich angeboten.

Diese Form der Abstimmung ist den Kindern bereits vertraut. Sie ist übersichtlich, verständlich und macht Entscheidungsprozesse sichtbar. Die Kinder schauten täglich nach, zählten die Stimmen, sprachen über ihre Eindrücke, Ideen, Vermutungen und bekundeten sich gegenseitg ihre Meinungen.

Was erleben die Kinder während diesem Prozess:

  • Mitbestimmung bei Spielmaterialien, Projekten, Raumgestaltung und Regeln

  • Eigene Meinung äußern und Wünsche benennen – jedes Kind wird gehört

  • Aushandeln von Regeln und Abmachungen und deren Einhaltung

  • Mehrheit und Minderheit: nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden, aber jede Stimme wird gesehen und zählt

Während des Abstimmungszeitraums waren manche Kinder krank, andere wollten sich noch nicht festlegen oder konnten sich nicht entscheiden. Das Ergebnis blieb lange offen – und war dann schließlich sehr knapp.

Ein Ergebnis – und ein besonderer Lern-Moment für alle

Die Polizeistation erhielt die meisten Stimmen. Kurz darauf kam von den Kindern ein neuer Vorschlag: „Den Bauernhof und den Pferdehof kann man ja zusammen aufbauen und die Stimmen dann zusammenzählen.“

Durch diese abgestimmte Zusammenlegung erhielt diese Spielidee schließlich eine Stimme mehr. Enttäuschung machte sich bei den Kindern bemerkbar, die für die Polizeistation gestimmt hatten – ein wichtiger Moment, um Gefühle ernst zu nehmen und gemeinsam darüber zu sprechen.

Wir besprachen noch einmal den Abstimmungsprozess, die Stimmenverteilung und die neue Lösung. Gemeinsam wurde entschieden:
Der Wunsch nach der Polizeistation bleibt bei allen im Blick und wird in der Planung nicht vergessen.

Wünsche ernst nehmen – auch ohne diese sofort zu erfüllen

Nicht jeder Wunsch kann umgesetzt werden. Aber jeder Wunsch darf geäußert, gehört und ernst genommen werden. Genau darin liegt der Kern: Kinder erfahren, dass Entscheidungen Zeit brauchen, dass Kompromisse möglich sind und dass Gemeinschaft bedeutet, Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Demokratiebildung lebt vom Vorbild der Erwachsenen – im Zuhören, im Aushalten von Uneindeutigkeit und im Vertrauen darauf, dass Kinder fähig sind, Verantwortung zu übernehmen.

(vgl. Demokratiebildung in der Kita, 2025)